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Göttelborn - Niedergang und Aufbruch
Strukturwandel aus Industriekultur -
wie sich ein neues Stück Saarland entwickelt!
Delf Slotta, Saarbrücken
Göttelborn - eine legendäre Saargrube! Die Ursprünge des Bergwerks
gehen bis in das 15. Jahrhundert zurück. Im "Kohlbachtal" arbeiteten
schon im Jahre 1446 Kohlengräber. Eine Nachricht von Kohlengruben im späteren
Feld der Grube Göttelborn stammt aus dem Jahre 1773, es wird ein Stollen
mit vier Arbeitern nahe Wahlschied erwähnt. Die Flammkohlengrube Göttelborn
wird schließlich durch hohen Ministerialerlass der Königlich-Preußischen
Regierung am 1. August 1886 genehmigt. Am 9. Mai 1887 setzen die Arbeiten am
neuen Standort ein, 13 Arbeiter der Gruben Maybach, Reden und Altenwald beginnen
mit dem Auffahren von zwei einfallenden Strecken auf dem Flöz Eilert. Kurz
danach, im Juli 1887, erfolgt der Übergang zum Tiefbau durch das Anhauen
zweier Schächte. Nach 113 Jahren, genau am 1. September 2000, wurde dann
auf Göttelborn die letzte Schicht gefahren. Ein gewaltiges Verbundbergwerk,
dessen an der Oberfläche sichtbare Zeugnisse erst in den 1990er-Jahren
entstanden waren, wurde stillgelegt. Der entsprechende Schließungsbeschluss
für das Bergwerk Göttelborn/Reden war im November 1997 erfolgt. Emotionen
und Wut begleiteten das Ende dieses Bergwerks. Tränen flossen, als im Anschluss
an einen Göttesdienst das letzte Fördergefäß aus Schacht
Göttelborn II gehoben wurde. In diesen Momenten endete im Saarkohlenwald,
dem traditionsreichsten Revier im Saarland, eine Jahrhunderte lange bergbauliche
Ära. Und "Welten" zerbrachen!
Was tun? Abbruch? Aufbruch?
In etwa zeitgleich, nämlich im Januar 2000, hatte die saarländische
Landesregierung die achtköpfige Kommission "Industrieland Saar"
berufen. Was war deren Aufgabenstellung? Der Raum Saarland-Lothringen-Luxemburg
ist ein bedeutsamer Schwerpunkt der Industriekultur in Europa. Er verfügt
über ein etabliertes Image und einen hohen Bekanntheitsgrad als Industrieregion.
Darüber hinaus zeichnen sich die industriellen Standorte dieses Großraums
durch eine Vielzahl produktbezogener, technologischer, architektonischer, infrastruktureller
und geographischer Charakteristika aus. Ihre Wirkung verstärkt sich durch
die Dichte und die Kombination industriekulturell bedeutender Orte - ein herausragendes
Alleinstellungsmerkmal der Region. Vor allem im Saarland liegende Standorte
- das ergaben nicht erst die Beratungen der Kommission- sind zur Schaffung eines
regionalen Profils und einer inhaltlich klaren, industriekulturellen Schwerpunktsetzung
geeignet, als Beitrag zur Neuorientierung in der Kultur-, Wirtschafts- und Tourismuspolitik.
Vor diesem Hintergrund entstand im September 2000 der Bericht "IndustrieKultur
Saar". In ihm sind die Empfehlungen der Kommission "Industrieland
Saar" an die Landesregierung dargelegt und zusammengefasst. Die Kommission
plädiert dafür, im Umfeld der sehr spezifischen Faszination industriekultureller
Denkmäler und Stätten im Sinne wirtschaftlich orientierter Standortentwicklung
zu denken. Industriekultur zeugt von einer großen Vergangenheit und wirkt
in diesem Sinne anregend in die Zukunft. In ihrem Umfeld sollen Erlebnisschauplätze
entstehen, interessante Standorte vielfältig entwickelt werden.
Alte Industriestandorte - neue Nutzungen! Gründung der IndustrieKultur
Saar
Zur Umsetzung dieser Vorgaben ist im Jahr 2001 die "IndustrieKultur Saar
GmbH" - IKS gegründet worden. Gegenstand der Arbeit der IKS ist die
Förderung und Unterstützung des Strukturwandels. Was aber ist Strukturwandel?
Strukturwandel ist Wandel und nicht Strukturbruch, das wiederum bedeutet Prozess,
Entwicklung und Evolution. Konkret bedeutet Wandel, aus den herausragenden Eigenschaften
des Vergangenen das Neue zu entwickeln. Nicht wegwerfen, sondern aufheben, einbauen
und das Neue nutzen ist die Devise. Es gilt, neue Sichten auf alte Gewohnheiten
zu erzeugen! Dazu muss die Industriekultur "in die Zukunft gedacht werden".
Die Zukunft wird nicht aus den Trümmern der Vergangenheit gebaut, sondern
aus deren Qualitäten. Die Orte der Industriekultur, die Räume der
Industrienatur müssen neu belebt werden.
Göttelborn - Reden - Netzwerk der Industriekultur
Der Strukturwandel soll als Ergebnis dieses mit hochwertigen Projekten bestückten
Weges auf mehreren Industriekulturstandorten im Saarland erkennbar werden. Konkrete
Aufgaben der Industriekultur Saar sind drei Projekte: Die Areale der ehemaligen
Bergwerke Göttelborn und Reden sollen nachhaltig für wirtschaftliche,
touristische und kulturelle Nutzungen entwickelt und betrieben werden. Beide
Objekte wurden zu so genannten "Zukunftsorten" erhoben, auf denen
das "neue Saarland" unter verschiedenen Leitbildern dargestellt und
sichtbar wird. Drittes Projekt der IKS ist die Schaffung eines Netzwerks der
Industriekultur. Routen der Industriekultur, der Industrienatur und der Landmarkenkunst
verschmelzen durch bauliche und landschaftliche Kulturlandschaftselemente zu
einem "Touristischen Produkt", das die industriekulturellen und industriewirtschaftlichen
Entwicklungspunkte des Saarlandes mit denen in Lothringen und Luxemburg verknüpft.
Was sind Zukunftsstandorte?
Zukunftsstandorte sind, wie es der Kommissionsbericht "Industrieland Saar"
formuliert hat, herausragende Zeugnisse der Industrie, deren außergewöhnliches
Erscheinungsbild den historischen Hintergrund und die Besonderheiten des Saarlandes
ausdrucksvoll vor Augen führt. Sie faszinieren durch ihre landschaftlich-architektonische
Gestaltung und ihre wirtschaftliche Bedeutsamkeit. Es gibt nur wenige dieser
beeindruckenden Orte, sie fallen aus dem Rahmen und sind mit beliebigen Gewerbezonen
und Konversionsgebieten nicht vergleichbar. Außergewöhnliche Orte
müssen Raum für außergewöhnliche Ideen bieten, für
Utopien und Machbares. Die Möglichkeit, Dinge anders zu sehen und selbstbewusst
in eine wirtschaftliche und kulturelle Zukunft zu gehen, beginnt an diesen Orten.
Vergangenheit und Gegenwart vereinigen sich hier und eröffnen Zeit und
Raum für freie Denk- und Wirtschaftsstrukturen.
"Zukunftsort Göttelborn" - Strukturkonzept Göttelborn und
neue Planungen
Aufgabe eines Strukturkonzeptes ist es, die Leitidee eines Projektes an einem
zu entwickelnden Standort in einem langfristig angelegten städtebaulichen
Programm praxistauglich zur Entfaltung zu bringen. Ein Strukturkonzept muss
daher eine räumlich gestalterische Vorstellung von der Gesamtheit einer
komplexen Planungsstrategie vermitteln, ohne einzelne Funktionen oder Objekte
-zum Beispiel ein Gebäude, eine Platzanlage- im architektonischen Aufbau
und Ausdruck vorwegzunehmen. Zu den wesentlichen Aufgaben eines Strukturkonzeptes
zählt es, die angestrebten Qualitäten einer Flächennutzung bzw.
einer Bebauungsplanung in einem von allen potenziellen Akteuren begreifbaren
Bild anschaulich werden zu lassen. So zählt das Strukturkonzept als informelles
Medium der Planung zu den bewährten Kommunikationsinstrumenten in potentiell
konfliktträchtigen Projektentwicklungen. Voraussetzung für die schrittweise
Umsetzung der strategischen Planung ist ein Konsens aller Akteure und Betroffenen
über die prägenden Elemente des Programms.
Göttelborn - "Cité der Industriekultur"
Das vom Büro Mediastadt - Urbane Strategien, Frankfurt, im Auftrag der
IKS für den Zukunftsort Göttelborn entworfene städtebaulich-architektonische
Strukturkonzept fokussiert die ambitionierte Zielsetzung, Industriekultur gleichsam
als Energiequelle einer Immobilien- und Arbeitsplatzentwicklung am Beginn des
21. Jahrhunderts zu erschließen, im Begriff der so genannten "Cité".
Die "Cité der Industriekultur" bildet das Zentrum der über
den Standort Göttelborn hinausreichenden Aktivitäten der IKS als einer
der Reformmotoren des Saarlandes. Göttelborn wird eine Sonderstellung einnehmen
und gewinnen, wenn es gelingt, die ca. 120 ha Entwicklungsflächen auf mittlere
Sicht (10 Jahre) als Symbiose aus geschichtlichen Strukturen, Elementen, Räumen,
Orten und Symbolen mit deren Umdeutung, Umbau und Ergänzung nach den Bedürfnissen
der nachindustriellen Epoche zu gestalten.
Im Bild der Cité vereinigen sich die vielfältigen Begabungen des
Standortes mit den neuen Produktivitätsfaktoren der globalisierten Informationsgesellschaft:
· eine urban anmutende Dichte und eine städtebauliche Raumdimension
versprechen eine Aufenthaltsqualität, die die Sinne anregt und den gebauten
Raum zum Erlebnis werden lassen kann.
· Eine raummächtige Industrienatur ist integrativer Bestandteil
der Cité. Sie bietet eine Komplementärwelt zum technischen, medien
durchdrungenen Alltag, geprägt von virtuellen Räumen, Netzen und Orten.
· Besondere Akzente setzen das architektonische "Superzeichen"
Schacht IV
Um Göttelborn für die Ansiedlung von zukunftsträchtigen Unternehmen
attraktiv zu machen, wurden die Besonderheiten des Standortes in Workshops und
Expertengesprächen gezielt herausgearbeitet. Sie werden nun Schritt für
Schritt umgesetzt.
Göttelborn - auch ein touristischer Ort!
Göttelborn lockt schon jetzt die Besucher an. Vordergründig steht
die Turmfahrt auf die 74,30 m hochgelegene Seilscheibenbühne von Göttelborn
IV im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Seine Einzigartigkeit, seine Höhe,
sein architektonischer Aufbau, seine souveräne Gestalt und der grandiose
Ausblick sind für viele Zielgruppen "der" Grund, nach Göttelborn
zu kommen. Im Rahmen der seit dem Jahr 2002 angebotenen Führungen wird
jedoch rasch deutlich, dass Göttelborn viel mehr bietet. Die Besucherinnen
und Besucher sehen sich großartigen Industriearchitekturen und einer vom
Bergbau in faszinierender Weise überprägten Landschaft mit Halden,
Weihern und verkehrlichen Infrastrukturen gegenüber gestellt - eine unerwartete
und reizvolle Konfrontation mit bislang nicht gekannten Bildern und Eindrücken
beginnt! Seine besondere Spannung bezieht der Standort Göttelborn zudem
aus der Tatsache, dass das Areal in einem dauerhaften Prozess der ökonomischen
Umnutzung begriffen ist. Hier wird der Strukturwandel sichtbar. Göttelborn
- also ein Ort, der neue Horizonte erschließt und an dem Vergangenheit
und Zukunft verschmelzen!
Derzeit bietet die IKS ihren Gästen fünf Führungsangebote zur
Auswahl an. Unter dem Titel "Faszination Grube und Zukunftsort Göttelborn"
führt ein zweistündiger Rundgang durch Waschkaue, Verlesesaal, Lampenstube,
Schachthallen und Fördermaschinenhäuser. Die Turmfahrt und die Innenbesichtigung
der Werkstatt der Industriekultur beschließen diese an Höhepunkten
reiche Tour. Zu regelrechten "Rennern" haben sich die vierstündigen
Sonderführungen durch den Zukunftsort entwickelt. Wer es etwas genauer
wissen und sich dabei auch noch körperlich betätigen will, der ist
bei diesen Touren goldrichtig. Es geht auf Halden, über Absinkweiher, hinein
in die Gebäude und hinauf in die Fördertürme. Aber Achtung: Diese
Erlebnistouren sind nur für Erwachsene geeignet. Angebot 3 ist die "Technik-Tour".
Diese Sonderführung führt zu den technischen Aggregaten auf der Grube.
Neben der Befahrung des Fördergerüstes Göttelborn IV stehen die
Innen-Besichtigung der Fördermaschinenhäuser II, III und IV, der Aufbereitungsanlage
und des Eindickers IV auf dem Programm. Das vierte Besuchsangebot ist den Bergeschüttungen
und dem Photovoltaik-Kraftwerk gewidmet. Nach dem Gang über den ehemaligen
Absinkweiher Göttelborn II zum Photovoltaik-Kraftwerk erfolgt die Besteigung
der Bergehalde. Auch hier beschließt die Turmfahrt den Rundgang. Neu im
Angebot ist die Sonderführung zum Kohlbachtalweiher, dem ersten früheren
Klärweiher der Grube. Er wird im Rahmen einer zweistündigen Wanderung
umrundet.
Lust auf Göttelborn bekommen? Dann besuchen Sie uns. Wir freuen uns auf
Ihren Besuch!
Kontakt
Delf Slotta, Regierungs-Oberrat
Projektleiter "Netzwerk der Industriekultur Saarland"
Industriekultur Saar GmbH
Boulevard der Industriekultur 1
66287 Quierschied-Göttelborn
Tel.: 06825 / 94277-41
Fax.: 06825 / 94277-99
e-mail: delf.slotta@iks-saar.de
internet: www.iks-saar.de
www.delfslotta.de
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