|
Johanna-Martina Rief, Pfarrerin
Göttelborn
Gedanken zu Niedergang und Aufbruch -
theologischer Impuls
Niedergang und Aufbruch.
Die Ausstellung hat mit ihrem Titel ein jüdisch-christliches Grundverständnis
von der Welt und ihren Bewegungen samt Veränderungen aufgegriffen. Genauso
der Film zur Eröffnung der Ausstellung: Da ging die Sonne unter über
Göttelborn. Und dann sah man sie wieder aufgehen ...
Ein alttestamentliches Bild. War das bewusst?
Die Ausstellung unterscheidet sich damit vom landläufigen Grundempfinden
mit dem Verlauf:
Vom Morgen zum Abend.
Von Werden und Vergehen.
Von Aufblühen und Verwelken
Von Aufbruch und Niedergang.
Nach biblischem Verständnis ist der Zielpunkt genau der andere. Nicht der
Niedergang, sondern der Aufbruch. Diese Bewegung zieht sich als leuchtender
Faden durch die biblischen Schriften hindurch*:
Im ersten Buch Mose
Kapitel 1f., Schöpfungsgeschichte -
Abend und Morgen - die Tage enden nicht in der tiefsten Nacht, sondern mit dem
neuen Morgen (Verse 5.8.13 ...)
Kapitel 3f., Sündenfall - endet nach der Vertreibung aus dem Paradies nicht
mit der Sterblichkeit, sondern mit der Geburt der Söhne (Kap.4,1f).
Kapitel 4, Brudermord - endet nicht mit dem Fluch über Kain, sondern mit
dem Schutzeichen für Kain und dem Ankommen in einem anderen Land (Vers
16)
* Anmerkung: die Abgrenzung der Kapitel gehört nicht zum ursprünglichen
Text und ist Betsandteil späterer Schriftauslegung. Sie zerschneidet an
manchen Stellen den Erzählfluss.
Kapitel 7-9 Sintflut - Endet nicht mit dem Untergang, sondern mit dem Bund Gottes
mit den Menschen (Kap.8,21 und 9,12-17)
In Sprüngen weiter:
1. und 2. Chronik - (vgl. Propheten)
die Herrschaft Davids und seiner Nachkommen - endet mich mit dem Exil, sondern
mit der Verheißung des neuen Jerusalem und dem Heil für alle Völker
(2.Chr. 36,23)
Neues Testament, Evangelien - Die Jesusgeschichte endet nicht mit dem Kreuztod,
sondern mit der Auferstehung
Evangelien und Apostelgeschichte - Der Ruf der Jünger in die Nachfolge
endet nicht mit dem Abschied vom bisherigen Leben, sondern mit der Gründung
christlicher Gemeinden
Die gleiche Grundlinie zieht sich durch die christliche Theologie und die Geschichte
der Kirche.
Glaubensbekenntnis - Endet nicht mit "zu richten die Lebenden und die Toten"
(2.Artikel), sondern mit dem Glauben an das "ewige Leben".
Kirchenjahr
Endet nicht mit Erntedank (die Natur legt sich zur Ruhe), sondern mit dem Ewigkeitssonntag
(bereit sein für das Kommen des Messias)
Kirchengeschichte
Reformation - endet nicht mit dem Untergang der Kirche, sondern mit dem Entstehen
neuer Kirchen.
Kirchenkampf - endet nicht mit der Verdrängung des christlichen Glaubens,
sondern mit einem neuen christlichen Bekenntnis (Bekenntnissynode in Barmen)
Sozialismus ohne Religion? - die Kirche endet nicht in der Unterdrückung,
sondern entwickelt ein neues Selbstbewusstsein.
Immer wieder begegnet einem, wenngleich sehr unterschiedlich:
Niedergang und Aufbruch. Ostererfahrungen.
Immer wieder Umbrüche, hinein in eine neue Qualität.
Nicht Restauration, auch nicht Reformation, sondern: Revolution!
Dabei stößt man immer wieder darauf:
Gesellschaften, Kirchen, auch Menschen, die sich eingerichtet und mit den Verhältnissen
arrangiert haben, mögen das nicht. Veränderungen bedeuten für
sie den Verlust bestehender Sicherheiten.
Betrachtet man vor diesem Hintergrund die Reformation unserer Kirche im 16.Jahrhundert:
da war sie genau genommen nicht das, was der Name sagt, war keine Wieder-Herstellung,
sondern brachte etwas völlig Neues; ein völlig neues Kirchenverständnis.
Das war Revolution. Und rief zwangsläufig Widerstand hervor.
In der Neuzeit entwickelte sich konsequenter Weise
eine Theologie der Revolution.
Die Anfänge dazu finden sich in der Nachkriegszeit auf ökumenischer
Ebene, bei den Versammlungen des ÖRK 1948 in Amsterdam und 1954 in Evanston.
Hier befasst man sich mit der Frage nach einer verantwortlichen Gesellschaft
angesichts der Weltsituation: Asymmetrie und Ungerechtigkeit.
Befreiungstheologie und die Bewegung "Christen für den Sozialismus"
sorgten seit Anfang der 60er Jahre für innerkirchliche Spannungen. Seit
der Genfer Weltkonferenz 1966 spitzte sich die Frage weiter zu mit dem Kampf
gegen den Rassismus, dem Antirassismusprogramm.
Die neue Perspektive war: Gottes Gegenwart ist nicht nur in der kreatürlichen
Wirklichkeit zu erkennen, sondern auch in der Veränderung gegenwärtiger
gesellschaftlicher Verhältnisse.
Der amerikanische Theologe R. Shaull kam zu dem Schluss, dass auch Christen
und Kirche sich vom Konzept der kleinen Schritte verabschieden müssten,
wenn sie wirkliche Veränderung wollen, und fordert in seiner Theologie
der Revolution einen raschen, unter Umständen auch gewaltsamen Umbruch.
Der Grund dafür war der Widerstand der Gesellschaft gegen friedliche Veränderungen.
Jede grundlegende Veränderung, jeder Aufbruch ist im Grunde eine Revolution.
Ist so etwas wie Ostern, wo aus dem Bestehenden etwas völlig Neues hervor
geht.
Niedergang und Aufbruch in Göttelborn -
Da geschieht etwas Revolutionäres.
Es entsteht etwas völlig Neues. Der Standort Göttelborn, bis 2000
eine der größten und modernsten Gruben, ist keine Grube mehr. Entfaltet
sich zu etwas völlig Anderem.
Da gibt es nun für uns zwei wichtige Aspekte zu bedenken:
1. die jüdisch-christliche Perspektive, aus welcher der Zielpunkt der Morgen
ist und nicht die tiefe Nacht; diese fordert uns heraus, des Daseins dem gemäß
zu begreifen und zu gestalten.
2. die Unabdingbarkeit revolutionären Geschehens will akzeptiert werden
und fordert mitunter sogar heraus, um daran mitzuwirken.
Dabei muss heutzutage in demokratischen Entscheidungs- prozessen errungen werden,
was Generationen vor uns vorfanden: Trümmerfelder und freie Flächen,
um aufzubauen, um Neues zu schaffen.
Heutzutage, wo wir, Gott sei Dank!, seit 60 Jahren keine wirklich große
Katastrophe mehr erleiden mussten, keine Trümmerhaufen mehr von Krieg und
Feuer ... Da braucht es wie noch nie zuvor Mut, um Schlussstriche zu ziehen,
aus eigenem Entschluss Standtorte aufzugeben, auch Besitzstand ... Sogar, um
einzureißen, was man selbst einmal gebaut hat, damit Raum wird für
Neues. Dieser Herausforderung müssen wir uns stellen. Göttelborn ist
ein Exempel, welches nach dem selbst bestimmten Niedergang schon den Aufbruch
sichtbar werden lässt.
So bleibt es mir schließlich, die alten Weisheitssprüche zu zitieren,
als hätten sie vorausgeahnt, was uns heute beschäftigt:
Alles hat seine Zeit. ... Abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen
hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine
Zeit. (Prediger 3,3-4)
So kommt nach jedem Niedergang ein Aufbruch.
November 2005
|