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Die "Macht der Beschämung"
von Helmut Paulus
Heilige gibt es in der evangelischen Kirche eigentlich nicht. Und
doch wird derzeit einem Theologen, sogar vom Ratsvorsitzenden der
EKD, Wolfgang Huber, der Status eines Heiligen zugeschrieben. Die
Rede ist von Dietrich Bonhoeffer, der wegen seines Widerstands gegen
das NS-Regime hingerichtet wurde. Huber würdigt den Theologen
anlässlich seines 100. Geburtstags am 4. Februar als einen
Heiligen, der für andere zum Vorbild des Glaubens geworden
ist.
In der Tat: Sein Leben, sein Zeugnis und seine Theologie sind heute
noch aktuell und beschäftigten die Menschen. So waren jetzt
über 120 Zuhörerinnen und Zuhörer in die Saarbrücker
Johanneskirche gekommen, als sich Dr. Christian Gremmels auf Einladung
der Evangelischen Akademie und des Evangelischen Forums Saar in
einem Vortrag mit dem Erbe des Getöteten beschäftigte.
Lebendig und engagiert warb der Professor für systematische
Theologie an der Uni in Kassel und Vorsitzende der Deutschen Sektion
der Internationalen Bonhoeffer Gesellschaft dafür, von Bonhoeffer
zu lernen.
Doch dafür müsse man erst einmal sein Erbe annehmen, betonte
Gremmels. Bonhoeffer galt im Ausland schon bald nach dem 2. Weltkrieg
als einer der größten Deutschen. Dagegen hätten
sich die deutsche Öffentlichkeit und vor allem auch die evangelische
Kirche anfangs mit dem Erbe Bonhoeffers sehr schwer getan. Mit der
Begründung, man dürfe dem Gericht Gottes nicht vorgreifen,
seien die Attentatspläne gegen Hitler lange von führenden
Kirchenvertretern als Sünde verurteilt worden, sagte Gremmels.
So haftete ihm der Makel des politischen Märtyrers an. Erst
Anfang der 50er Jahre habe ein Umdenkungsprozess eingesetzt.
Immer der Erde treu geblieben
Bonhoeffer selbst habe kein Interesse daran gehabt ein Heiliger
zu werden - schon gar kein jenseitiger. In Briefen aus der Haft
an seinen Freund Eberhard Bethge habe er seine Mitchristen immer
beschworen, der Erde treu zu bleiben und nicht denen zu glauben,
die von überirdischen Hoffnungen reden. Christus sei auf die
Erde herab gekommen, da hätten auch wir uns zu bewähren,
zitiert Gremmels den Theologen.
Was können wir nun von Bonhoeffer lernen? Gremmels nennt es
die Macht der Beschämung oder den Verzicht darauf, aus sich
selbst was machen zu wollen. Wer nur an seine Karriere denke, nicht
zu seinen Fehlern stehe, und - wie heute in der Gesellschaft üblich
- in die Anonymisierung flüchte, sei in "äußerster
Entfernung zu Bonhoeffer".
Verfolge man seinen Lebensweg, habe Bonhoeffer immer für seine
Entscheidungen gerade gestanden. Der ist es immer gewesen, der hat
sich schuldig gemacht, sagt Gremmels. Der Theologieprofessor verdeutlicht
dies an Beispielen. Bonhoeffer war, um vor dem Krieg zu flüchten,
nach England gegangen. Als er dies als Fehler erkannt habe, sei
er zurückgekehrt. Bonhoeffer habe lange einen radikalen Pazifismus
gepredigt, sei später aber zu Gewalt bereit gewesen. Aus diesen
Brüchen könnten junge Menschen heute lernen. Es gelte,
ihnen Bonhoeffers Lebensweg mit all seinen menschlichen Schwächen
lebendig zu machen.
Bonhoeffer fordere dazu auf, Verantwortung für den eigenen
Lebensweg zu übernehmen. Tatenloses Abwarten und stumpfes Zuschauen
sei keine christliche Haltung im seinem Sinne, so Gremmels. Dabei
will er Mut machen und benutzt dazu wieder ein Zitat Bonhoeffers
aus seinen Briefen: Gott legt uns nicht mehr auf, als wir tragen
können.
Der Theologie-Professor hatte aber auch eine Antwort auf die Frage
einer Zuhörerin, ob es dann auch ein Erbe Bonhoeffers gebe,
das wir nicht annehmen sollten. Er habe so seine Schwierigkeiten
mit dem Frauenbild Bonhoeffers. In der Traupredigt für Bethge
sei beispielsweise davon die Rede, dass die Frau dem Manne zu dienen
habe. Das sei wohl heute nicht mehr so aktuell.
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