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Eisenwerk
St. Ingbert - Die Schmelz
Ein neu entdecktes Feld?
Von Hans-Werner Krick ©
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FOTO
GALERIE
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Es
ist keine zehn Jahre her, da waren die Mauern noch hoch, die Eingangstore verschlossen
und die Portierhäuser besetzt. Wer "damals" das Gelände des
St. Ingberter Eisenwerkes betrat, den trieb nicht die Neugier dorthin, der hatte
einen "Termin".
Heute kann kommen wer will. Keine
Portiers, keine Mauern, keine verschlossenen Werkstore verwehren den Zutritt.
Die Arbeitswelt von damals, das sind heute Brachflächen, leere Hallen, verfallende
Gebäude, Wildwuchs. Statt "Blaumännern" beleben Skater und
Sprayer die Szene, mitunter auch Sucher und Neugierige. Es scheint mehr zu geben
als Pfützen, Stolperfallen und Dreck. Der Ort, "die location",
steckt voller Überraschungen, Reize und Herausforderungen. Wer bereit ist,
sich auf Entdeckungen einzulassen, Details zu suchen, sich an Farben und Formen
begeistern kann, entdeckt "Die Schmelz", jenes verlassene Industrieareal
im St. Ingberter Westen, ganz neu, ganz individuell. Wer sehen will, wer sehen
gelernt hat, macht sich sein eigenes, sein ganz individuelles Bild. Bei einem
Foto-Workshop durchaus im eigentlichen Sinne des Wortes.
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Doch auch das geschärfte und geschulte Auge
kann die Dinge, die nicht mehr da sind, die jedoch Voraussetzung dafür waren,
dass es heute möglich ist, diesen Ort zu begehen, zu erkunden, zu erleben,
mittels Kamera zu dokumentieren, zu bebildern, nicht sehen, nicht unmittelbar
erkennen.
Deshalb einige Gedanken zum Unsichtbaren, zur Geschichte, zur Vergangenheit. Vergangenheit
hier ganz wörtlich gemeint: vergangen, untergegangen, nicht mehr vorhanden
- und daher unsichtbar. |
Die
Anfänge des Ortes liegen im Dunkeln, im frühen 18. Jahrhundert. Zwar
verlieh das Haus von der Leyen 1733 eine Konzession zum Betrieb einer Eisenhütte,
doch sollte es rund 70 Jahre dauern, bis "der Laden in Schwung kam".
Ein Privatmann, Philipp Heinrich Krämer sen., kaufte das Anwesen. Bis 1905
wirtschaftete die Familie sehr erfolg- und ertragreich, modernisierte, erweiterte
und machte aus der kleinen "Eisenklitsche" ein modernes und leistungsfähiges
Großunternehmen: Roheisen, Stahl, Halbzeug, Gießereiwaren, Walzwerkprodukte,
Draht und Nägel. Gewiss, es waren auch lokale Faktoren, die sich entscheidend
auf die Betriebsentwicklung auswirkten, positiv wie negativ. Das Krämer`sche
Eisenwerk operierte im Königreich Bayern ziemlich konkurrenzlos, hatte aber
lange Zeit nur beschränkte Liefermöglichkeiten, da St. Ingbert erst
1867 an die Eisenbahn angeschlossen wurde.
Der zunehmend schärfer werdende Wettbewerb auf
dem Stahlmarkt erforderte immer größere Kapitalmengen für Modernisierungen
und Erweiterungsbauten, die die Familie Krämer nicht aufbrachte. Logische
Konsequenz war eine Fusion mit lothringischen und luxemburgischen Produzenten.
Seit 1905 sind "Krämer`sch" aus dem Geschäft. Die Rümelinger
hatten jetzt das Sagen, lieferten Eisen, Stahl und Kohle aus Luxemburg. St. Ingbert
wurde zu einer reinen Weiterverarbeitung auf modernstem Niveau um- und ausgebaut.
Das Eisenwerk wurde zum Walzwerk, Bau- und Massenstahl zu den neuen Markenzeichen.
Aus dieser Zeit stammen viele der imposanten Werksgebäude,
die heute leer stehen: Äußeres Erkennungsmerkmal: Rote und gelbe Ziegelsteine,
darunter: Stahlkonstruktionen als tragende Elemente. Die Mechanische Werkstatt,
das ehemalige Reparaturzentrum des Werkes, ist bis heute Aushängeschild dieser
Ära. |
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Zeitlich wie räumlich ist sie von Vorgänger-
und Folgebauten flankiert: Aus der Frühzeit, 1750, die Möllerhalle,
von der aus die (wahrscheinlich) dahinter liegenden Hochöfen mit Schmelzgut
beschickt wurden. Sie wirkt mit ihrer Kapellenform wie ein Fremdkörper. Gleichzeitig
weist sie auf wichtige Veränderungen hin: Die nachträglich eingebaute
Glocke und Turmuhr als sicht- und hörbares Signal für Schichtarbeit,
die sich nicht mehr an den Tages- und Jahreszeiten orientierte. Die unpassend
wirkende Form und Bauweise als Hinweis auf das Fehlen eigener Architekturformen
für Industriebauten.
Aus der Ära Krämer sind neben Herrenhäusern,
Direktorenvillen und Landschaftsgarten noch einige wenige Fabrikgebäude erhalten
geblieben. Sandstein, verputzte Fassaden, gusseiserne Säulen dienen als "Erkennungszeichen".
Die Hallen, unübersehbare Produkte der Neuzeit: rein funktional, enorme Leerräume,
geplant und gebaut für riesige Produktionsstraßen, ganz aus Stahlträger-Fachwerk,
verkleidet mit Ziegelsteinen oder Eternitplatten. Typische Bauten des späten
20. Jahrhunderts, vorwiegend nach dem 2. Weltkrieg entstanden. Alles in allem
ein Ensemble, das rund 250 Jahre Fabrikarchitektur repräsentiert. Architektur!
Denn die ehemaligen Stätten der Arbeit sind inzwischen allesamt leer, ausgeräumt.
Keine Arbeiter, keine Maschinen, keine Werkzeuge mehr. Vielleicht noch ein alter
Handschuh, der irgendwo die Zeit überdauert hat, von grober Handarbeit kündet.
Lediglich in einem kleinen Werksareal Richtung Rentrisch wird noch Draht geglüht,
gezogen und veredelt. Auf relativ neuen Maschinen. Mit dem alten Eisen- und Walzwerk
hat diese Arbeitsweise nichts mehr gemeinsam.
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Bleibt noch eine Besonderheit zu erwähnen: die
ehemalige Werkssiedlung. Sie entstand wohl schon im frühen 18. Jahrhundert,
erlebte unter der Ära Krämer ihre Blütezeit. Denn "Eisenmänner"
waren damals noch gesuchte Fachkräfte, mussten mit Privilegien geködert
und ans Werk gebunden werden. Ein sicherer Arbeitsplatz, dazu eine ordentliche
Wohnung, das Recht auf Kleinviehhaltung, Weiderechte und ein großer Garten,
damit konnte man erfolgreich locken.
Als in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts in St.
Ingbert großzügige Wohnungsbauprogramme aufgelegt wurden, verließen
viele "Schmelzer" die Siedlung, in der ihre Familie mitunter viele Generationen
lang gewohnt hatte. Das Ensemble verfiel zusehends, genau wie ein großer
Teil des Altbestandes an Werksanlagen, die inzwischen ihre Bedeutung verloren
hatten, nicht mehr gebraucht wurden. Hinzu kam die Stahlkrise der 80er Jahre,
mit ihren Konzentrations- und Rationalisierungsprozessen, Massenentlassungen,
Stilllegungen von Produktionszweigen. Anfang der 90er Jahre der "große
Ausverkauf": Flächen und Gebäude wurden veräußert. Die
"schnelle Mark" war wichtiger als der große Entwurf, der neue
Werte hätte schaffen können. |
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Die Ausläufer der "Industrie-Kultur-Welle"
erreichten auch St. Ingbert. Ihre Auswirkungen könnten unterschiedlicher
kaum sein. Die Siedlung wurde Besitz der alten Bewohner und neuer Mitbewohner,
die eine Genossenschaft gründeten und im Begriff sind, Haus für Haus
zu sanieren. In einige Werkshallen zogen neue Firmen ein. Hier ist noch und wieder
Leben, rege Betriebsamkeit. Immobilienhändler versuchten ihr Glück,
entwarfen große Pläne und gaben sie wieder auf. Hier ist Friedhofsruhe,
ab und an unterbrochen vom Lärm einer Diskothek, vom bunten Treiben eines
Flohmarktes. Auf dem Gelände des ehemaligen Stahl- und Walzwerkes, heute
Drahtwerk Nord genannt, hätte ein neuer Stadtteil entstehen können:
Unmittelbare Anbindung an das Stadtzentrum, Saarbahnanschluss, autofrei, kinder-
und altengerecht, ein Modellprojekt für Wohnen und Arbeiten und und und.
Kühne Visionen, die "heruntergebrochen" wurden auf das Machbare:
ein Gewerbegebiet. |
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Während
diese Zeilen geschrieben werden, kneifen Bagger mit riesigen hydraulischen Zangen
die Stahlstützen der überdachten Kranhalle ab. Die ersten Walzwerkhallen
sind bereits abgerissen. Der Bauschutt liegt sortiert zur Aufbereitung oder
Entsorgung bereit.
Die Fotografinnen und Fotografen des Workshops
"Entdeckungsreise mit dem Fotoapparat - Alte Schmelz St. Ingbert"
waren wahrscheinlich die Letzten, die das Ensemble noch vollständig besucht,
erlebt, entdeckt und in subjektiven Eindrücken der Welt erhalten haben.
Sie fanden Spuren, die als Motive für sich sprachen, die sie für Wert
erachteten, mit der Kamera zu erhalten. Und sie entdeckten ganz nebenbei die
Zusammenhänge und Hintergründe, die diese Spuren und diese Motive
erst ermöglicht hatten.
Wer sich die Zeit nahm, wer sich auf die Spurensuche
einließ, hatte die Chance, einen Mikrokosmos zu entdecken und zu erleben,
den es inzwischen nicht mehr gibt.
Februar 2004
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